Studie zeigt: fast 50% aller Kleinkinder sind nicht ordnungsgemäß angeschnallt

Feldstudie des deutschen Versicherungsverbandes zeigt die am häufigsten vorkommenden Fehlbedienungen bei Autokindersitzen auf.

Fehlbedienung bei Autokindersitzen – was meint man damit und wieso ist dies so gefährlich?

„Fehlbedienung“ oder „Misuse“ ist ein gängiger Term im Fachjargon in der Kindersitz-Branche. Von Fehlbedienung spricht man, wenn ein Kindersitz nicht korrekt verwendet wird – also so wie in der Zulassung vorgesehen und getestet. Typische Beispiele der Fehlbedienung sind Fehler beim Einbau des Kindersitzes oder zu lockere Gurte (die Gurte sollten stets stramm sitzen).
Kommt es zu einem Misuse-Fall, kann der Kindersitz das Kind nicht wie vorgesehen schützen, was eine ernstzunehmende Gefahr für das Kind und eventuell auch für andere Personen im Auto darstellt.
In der Studie “Use of child restraint system – compact accident research” (2018), schreibt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V (kurz: GDV), dass Misuse „den Schutz [der Autokindersitze] erheblich verringern oder sogar gänzlich aufheben kann“.

Ergebnisse der Studie: Fehlbedienung bei Babyschalen (Gruppe 0/0+)

Unter den inspizierten Babyschalen/Kindersitzen für Babys stellten zu lose Gurte die am häufigsten vorkommende Fehlbedienung dar (24,8%).
Zudem war bei fast 15% der auf dem Beifahrersitz eingebauten Babyschalen der Beifahrerairbag aktiv.

Arten der Fehlbedienung in der Gruppe 0/0+ (Babyschalen) – Häufigkeit

Lose Gurte – 24,8%
Gurtführung wird nicht verwendet (Einbau mit Fahrzeuggurt) – 19,3%
Schulter- und Beckengurt vertauscht (Einbau mit Fahrzeuggurt) – 16,6%
Tragegriff der Babyschale in falscher Position – 9,7%
Verdrehte Gurte – 7,6%
Andere Fehler – 22,1%

Ergebnisse der Studie: Fehlbedienung bei Kleinkindsitzen (Gruppe 1)

Die am häufigsten auftretenden Fehler in der Kategorie der Kleinkindsitze sind lose Gurte. Bei 49,3% der Kinder in Kleinkindsitzen sind die Gurte nicht ausreichend stramm gezogen. In 63% der Fälle wird dies sogar als schwerwiegender Misuse eingestuft, in 26% der Fälle als mäßige Fehlbedienung und in 11% als leichte Fehlbedienung. Der GDV hebt hervor, dass „dies den Schutz eines Autokindersitzes erheblich verringert und zu schweren Verletzungen des Kindes führen kann“.

Arten der Fehlbedienung in der Gruppe 1 (Kleinkindsitze) – Häufigkeit

Lose Gurte – 49,3%
Verdrehte Gurte – 12,9%
Gurtführung wird nicht verwendet (Einbau mit Fahrzeuggurt) – 10,2%
Gurtschnalle nicht oder falsch verwendet – 4,4%
ISOfix-Einbau ohne Überrollbügel – 4,0%
Andere Fehler – 19,1%

Ergebnisse der Studie: Fehlbedienung bei Sitzerhöhungen (Gruppe 2/3)

Unter den Kindersitzen für ältere Kinder, also beispielsweise Sitzerhöhungen mit und ohne fester Rückenlehne, wurden zahlreiche Arten der Fehlbedienung erfasst. Diese traten aber nur unregelmäßig auf. Der GDV erklärt: „Im Allgemeinen […] ist beim Einbau dieser Sitze weniger zu beachten, da der Sitz zusammen mit dem Kind im Fahrzeug gesichert wird.“

Arten der Fehlbedienung in der Gruppe 2/3 (Sitzerhöhungen) – Häufigkeit

Decke (oder ähnliches) unter dem Kindersitz – 11,4%
Eigene DIY Lösung – 11,4%
Einbauproblem aufgrund der Kopfstütze (des Fahrzeuges) – 11,4%
Unzulässiger Einbau – 5,7%
Kindersitz beschädigt – 5,7%
ISOfix nicht eingerastet (auf der Seite des Gurtschlosses) – 5,7%
Andere Fehler – 48,6%

Zur Studie

Im Zuge dieser Feldstudie untersuchte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V (kurz: GDV) die Häufigkeit sowie die Schwere von Fehlbedienung von Autokindersitzen. Der Beobachtungszeitraum erstreckte sich von Juni 2016 bis Juni 2017. In diesem Zeitraum wurden 1076 Kinder in Autos in den Großräumen Berlin und München, sowie in umliegenden Städten (z.B. Leipzig, Potsdam, Augsburg, Rosenheim) im Zuge der Beobachtung dokumentiert. Die Erfassung der Fälle erfolgte in der Nähe von Einkaufszentren (38,4 %), Freizeitanlagen (31,6 %), Kindergärten (17,3 %) und Supermärkten (7,9 %).

34 der 1076 Kinder wurden ohne Sicherung durch einen Kindersitz im Auto transportiert. In 472 Fällen saß das Kind auf einer Sitzerhöhung oder Sitzerhöhung mit fester Rückenlehne (Gruppe2/3). Bei 35 dieser472 Fälle wurde ein Misuse verzeichnet.

372 Kinder saßen in einem Kleinkindsitz (Gruppe 1) und eine Fehlbedienung konnte in 225 Fällen beobachtet werden.

198 Kinder waren in einer Babyschale (Gruppe0/0+) unterwegs. Hier wurden 145 Fehlbedienungsfälle verzeichnet.

Bei der Auswertung der Ergebnisse ist zu beachten, dass die Studie von Juni 2016 bis Juni 2017 durchgeführt wurde und die ersten nach UN R129 zugelassenen Autokindersitze erst ab ca. 2016 am Markt erhältlich waren. Daher war lediglich ein kleiner Anteil der in der Studie dokumentierten Sitze nach der neuen Regulierung zugelassen. Aus diesem Grund wurde auch eine Unterteilung gemäß der „älteren“ Regulierung ECE R44 (Gruppe 0/0+; Gruppe 1; Gruppe 2/3) zur Kategorisierung der Sitze verwendet.

Quelle der Studie: Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V./ Unfallforschung der Versicherer. „Use of child restraint Systems – Compact accident research“ (Oktober 2018)